Rund um den Kreuzgang…

Veranstaltung im Kloster Lüne am 27. Und 28.5.2011
Was kann man tun……? Che si puo fare? (Barbara Strozzi 1619 -1677) Die Frage nach dem Sinn des Unglücks im Leben, nach Glauben, Angst und Zweifel in einem Frauenkloster alter Zeit gestellt und heute ebenso aktuell empfunden….. Die Arie 1664 für die Fürstin Sophie von Braunschweig und Lüneburg komponiert, erfüllte mit beeindruckender Ausdruckskraft der Sopranistin, Laura Pohl, begleitet von Viola, Bajan und Violoncello die Kreuzgänge und ließ die Zuhörer gebannt lauschen. - Nicht ein störendes Geräusch - Schon der Beginn der Veranstaltung war für das Publikum ungewöhnlich. Mikhail Honesseau gibt mit 2 Klanghölzern das Zeichen zum Aufbruch, nimmt die 45 Zuhörer stillschweigend mit und konzentriert sie auf Musik, die wie in weiter Ferne ertönt und im näher rücken den Raum erfüllt. Es folgte eine Komposition für Violine Solo von Babette Koblenz von 1989. Von Lenka Zupkova brillant gespielt, bringt sie das Wechselvolle der filigranen Rhythmen und der sich ständig verändernden Motive gekonnt zum Ausdruck. Beeindruckend dann das von Tatjana Prelevic 2011 komponierte Stück für Chor, Solostimmen und Streichtrio: “Ich bin das Licht….”. Die teils gesungenen, teils gesprochenen und gewisperten Worte aus unterschiedlichen Richtungen in wechselnder Lautstärke, wirken wie eine Zielführung zu Glaube, Vertrauen, Zuversicht und geborgen sein. Von den Zuhörern wie ein Predigtimpuls wahrgenommen und sehr tief mitempfunden. Auch bei den weiteren Stationen durch das Kloster fällt auf, wie einbezogen sich die zuhörenden Menschen fühlen. Kein unnötiges Geräusch, kein Getuschel störte die Klänge. Das die teilweise modernen Kompositionen zu keinem Zeitpunkt als fremd und unverständlich empfunden wurden, zeigt, wie sensibel die Künstler mit der alten Literatur und der Atmosphäre des Klosters umgegangen sind. Daher, große Anerkennung für die Musiker! Auch die Choreografie von Mikhail Honesseau getanzt, beeindruckte, ließ sie doch, da ohne Titel, Raum für eigenes interpretieren. Es wurde eine herausragende Leistung aller Beteiligten, sowohl musikalisch als auch choreografisch erlebt. Woran die Menschen in den 2 Vorstellungen des ersten Abends teilnahmen , wurde zum tiefen Erleben und Spüren, der bis heute in diesen Mauern erhaltenen besonderen Atmosphäre. Es führte dazu, dass am 2.Tag der Strom derer, die dass auch miterleben wollten, so groß war, dass die Veranstalter die Zahl der möglichen Zuhörer von 45 erhöhten bis auf über 60 Personen.Und selbst bei der eigentlich zu großen Teilnehmerzahl, blieb die konzentrierte Stille und Aufmerksamkeit erhalten und am Ende überschwänglich dafür gedankt, doch noch teilgenommen haben zu können.Es hat sich gezeigt, dass Neues in alten Mauern durchaus seinen Platz finden kann. Dass die Klöster von den Menschen nicht nur als Museen wahrgenommen werden, sondern man in ihnen einen Ort vermutet, der Raum gibt für die Lebens- und Glaubensfragen unserer Zeit. Und dass ihnen die Musik dazu verhelfen kann, Rückschau auf Vergangenes zu nehmen, aber auch gleichzeitig in Beziehung zu setzen in unsere Zeit. Daher ist es gut zu verstehen, dass um eine Wiederholung dieser Aufführung immer wieder gebeten wird. Allen Beteiligten und Unterstützern der Veranstaltung große Anerkennung und Dank.
Karin Hielscher-Strauss, Konventualin, Kloster Lüne

Musikalisches Labyrinth mit Lenka Zupkova und dem Ensemble Megaphon

Celler Zeitung 21.8. 2009

Labyrinthe - Weg ins Innere / Kreuzkirche Hannover, am 19.8.2009
Musikland Niedersachsen so lautet hierzulande das große Schlagwort in Sachen Musikförderung. Das Land Niedersachsen hat diesen Begriff erfunden, aber Aktivitäten zum Erfüllen dieses Schlagwortes gibt es fast keine. Eine der wenigen positiven Auswirkungen von Musikland Niedersachsen ist, dass das Land die Vernetzung der Musikszene fördert. Und das ist insbesondere in denjenigen Bereichen, die es besonders schwer haben, eine wichtige Sache, allem vor bei der sogenannten Neuen Musik. So gibt es inzwischen den sehr aktiven Verbund Musik21Niedersachsen. Insbesondere im Raum Hannover. Dort hat sich inzwischen neben der Hannoverschen Gesellschaft für Neue Musik, dem Neuen Ensemble und dem Ensemble S noch der eine und andere weitere Veranstalter und manches Ensemble der zeitgenössischen Musik angenommen. Besonders auffällig ist das Ensemble Megaphon unter der Leitung der Geigerin Lenka Zupkova. Megaphon versteht sich weniger als rein musikalisches Ensemble denn als Zusammenschluss verschiedener Künstlerpersönlichkeiten aus unterschiedlichen Richtungen, die gemeinsame Performances entwickeln. Dieses Mal zog es diese Truppe in die hannoversche Kreuzkirche. Zupkova entwickelte eine Performance mit dem Titel Labyrinth Weg ins Innere. Zusammen mit drei weiteren Musikern, einem Tänzer und Choreographen sowie einem Mann an der Live-Elektronik bespielte man den Innenraum der kleinen Kirche. Die Zuhörer saßen rund im die Spielfläche, innerhalb derer in genau abgezirkelt wirkenden Bewegungen die Aktionen stattfanden. Man fing Licht ein mittels Spiegeln und sorgte für Reflexe im Raum. Man durchmaß in einer offensichtlich genau festgelegten Choreographie den Raum. Und natürlich: Man musizierte. Und zwar auf hörenswerte Weise. Einerseits historische Klänge aus sehr fernen Zeiten, die wie Boten aus besseren Zeiten erschienen, andererseits aber auch ganz heutige Klänge, die zumeist heutige Aggressivität widerspiegelten oder sublimierten.
Reinald Hanke, Celler Zeitung, 21.08.2009

ILSE BILSE NIEMAND WILL 'SE ...

Hannoversche Allgemeine Zeitung 25.1.2006

Aufführung der Musiktheaterstücke "Rondo" und "Liebestod" von Michael Heisch Sechs Menschen betreten prozessionsartig den Treppenabsatz, der in der Cumberlandschen Galerie des Schau-spielhauses Hannover am 21. Januar 2006 als Bühne für Michael Heischs Musiktheater "Rondo" dient, und versammeln sich im Kreis um einen Stapel kunstvoll in- und aufeinander verkeilter Stühle. Einen Augenblick verharren sie andächtig, dann beginnt eine groteske Anbetung: Es wird gemeckert, gegrölt, geklatscht und wild gestikuliert. Plötzlich stürzen sich alle auf die Stühle, ein wenig zimperliches und lautstarkes Gerangel um die Stühle entsteht, bis jede(r) einen ergattert hat, ihn an die gewünschte Stelle trägt und in die zwanghafte Wiederholung einer Verlegenheitsgeste verfällt. Bisher waren Körper und Stimme die Ausdrucksmittel der Ensemblemitglieder (und sie werden es auch weiterhin sein), jetzt treten Instrumente hinzu: "herkömmliche" wie Akkordeon, Viola, Violoncello und Handtrommel (die aber natürlich auch auf unkonventionelle Weise gespielt werden) und "klingende" Alltagsgegenstände wie eine Papierkorb, ein Luftballon oder ein präparierter Schulwebrahmen. Außerdem bietet ein Ansteckmikrophon viele Möglichkeiten der Klangerzeugung, indem es beispielsweise in den Mund gesteckt wird und so die Atemgeräusche zum Ausdruck größten Schreckens und Entsetzens verstärkt. Es entspinnt sich ein Reigen von Szenen, die sich alle um das Thema Liebe, Liebeskummer, Abweisung und Ausgrenzung ranken. Diese Themen wählte Michael Heisch für die Bearbeitung des Kompositionsauftrages mit dem Titel "Liebestod". Inspirative Basis ist dabei Arthur Schnitzlers Bühnenstücke "Reigen" (1896/97), in dem in jeder Szene eine Rolle durch eine neue ausgetauscht wird: der Ausstoß aus einer Gemeinschaft als zentrales, nie endendes Thema. Den Ausführenden seines Stückes bietet Michael Heisch eine enorme Fülle von kurzen Texten und Spielanweisungen unterschiedlicher Kategorien, wie bspw. Monologen zum Thema Liebe, Sexualität und natürlich Liebenskummer aus Literatur, Kontaktanzeigen, Internetforen u.ä.. Das Ensemble MEGAPHON konzentriert sich vor allem auf die Kategorien Abzählreime und musikalische Anweisungen. In der Gesamtanlage bleiben die Interpret(inn)en dabei eng an der musikalischen Form des titelgebenden Rondos: Als Refrain fungiert das rituell inszenierte Ziehen einer neuen Spielanweisung, die dann im anschließenden Couplet verarbeitet wird. In jeder dieser Szenen bilden sich neue Gruppen, aus denen immer wieder aufs Neue ein(e) Einzelne(r) ausgeschlossen bleibt. Das Ensemble in der Besetzung: Corinna Eickmeier - Violoncello, Willi Hanne - Percussion, Mikhail Honesseau - abstrakter Tanz, Kostantinos Raptis - Akkordeon, Ilka Theurich - Klangkunst, Lenka Zupkova - Violine, Elektronik und Organisation, setzt dabei sein breites Repertoire musikalischer und schauspielerischer Ausdrucksformen geschickt ein, eröffnet vertraute und unerhörte, faszinierende und auch mal verstörende Klangräume. Jedes Mitglied ist in der Lage, sich bei Bedarf zurückzunehmen und einfühlsam zu begleiten oder solistisch hervorzutreten und die thematische Führung zu übernehmen. In der szenischen Gestaltung des bekannten Kinderreimes "Ilse Bilse, niemand will se" ist es die Cellistin, die höhnisch und schadenfroh verspottet und herumgeschubst wird. Sie stimmt darüber ein schmerzliches Klagelied an, bis sie schließlich freudig getröstet wird: "Kam der Koch, nahm sie doch!"
Katharina Talkner, Hannoversche Allgemeine Zeitung 25.1.2006

MORD IM SPIEGEL

Zeitung "Viva Voce" 2006 Zeitschrift "Improring"

Musikalische Raum-Sequenzen nach Agatha Christie Kunstprojekt für das Amtsgericht Hannover am 21.4. 2005 von und mit M e g a p h o n
Amtsgericht Hannover, ein monumentaler Bau aus dem 19. Jahrhundert, ein Labyrinth langer, dunkler, hallender Gänge. Ein Ort, der geschaffen wurde, die Ordnung zu wahren und durchzusetzen. Ausgerechnet hier hat sich ein buntscheckiges Publikum versammelt, um einem höchst eigenwilligen Konzert beizuwohnen. Angekündigt sind "Musikalische Raum-Sequenzen", die von Agatha Christies Kriminalroman "Mord im Spiegel" inspiriert wurden. In der weiten Eingangshalle stehen Stuhlreihen, davor die acht Musiker von M e g a p h o n zum Anhören und Anschauen. So kennt man das. Als das Konzert beginnt, die ersten Irritationen. Die Musiker verteilen sich über die Treppen und Arkaden im ersten Stock der mächtigen Halle. Sie benutzen nicht nur ihre Instrumente, sie trommeln auch auf den dort ausgestellten Kunstobjekten aus Stahl. Sie spielen aus den düsteren Gängen "auf das Publikum herab". Die so erschaffenen Klangcollagen hallen lange nach. Danach Rollentausch: wo eben noch die Musiker standen, blicken jetzt die Zuhörer auf ihre leeren Stuhlreihen herab, zwischen denen die Musiker stehen. Die beschränken sich nicht allein auf das spielerisch-experimentelle Erschließen der Klangpotentiale ihrer Instrumente, sondern nutzen auch ihre Stimmbänder und binden Scheinwerfer ein, um ein atmosphärisches Geflecht aus einander umspielenden Licht- und Tonfragmenten zu schaffen. Als neuntes Mitglied dieses eigenwillig besetzten Ensembles kommt nun ein Wasserkocher zum Einsatz, dessen rauschendes Crescendo einen eigenwilligen Kontrapunkt zu den anderen Aktionen bildet. Doch damit nicht genug. Das Publikum wird erneut seiner passiven Rolle enthoben: man wandert durch die langen, dunklen Gänge des Gebäudes (über Haftungsfragen, falls sich jemand in der Düsternis den Knöchel bricht, mögen sich die hier ansässigen Juristen Gedanken machen), vorbei an zahlreichen kleinen szenischen und musikalischen Vignetten, die unvermutet auftauchen. Eine einsame Violine singt bei Kerzenlicht auf einer Besucherbank, eine wimmernde Gestalt wälzt sich auf Mülltonnen, in einem besonders dunklen Gang liegt die Leiche. Undefinierbare Geräusche klingen aus versteckten Nischen heraus. Das Konzept geht auf. Der erste emotionale Reflex auf die musikalische Aktionen ist Beunruhigung, Irritation. Doch wenn man sich auf diese Darbietung einlässt, sich hineinfallen lässt, wird einem nach und nach bewußt, was man gewinnt. Ordnungen aufzubrechen heißt Räume für Neues zu schaffen, für neue Ordnungen, die das Bewusstsein erweitern. Es heißt, neue kreative Denk- und Gefühls-Räume zu erschließen, in denen Geist und Seele wieder frei atmen können. Genau dies geschieht bei einem originellen Projekt wie "Mord im Spiegel".
Alexander Klee, Zeitung "Viva Voce" 2006; Zeitschrift "Improring" 2006